„Die Welt der chinesischen Drachen“

12. Juni 2026

Am 12. Juni fand im Yu-Garten Hamburg der Vortrag „Die Welt der chinesischen Drachen“ mit Dr. Hans-Wilm Schütte statt. Zahlreiche Interessierte nutzten die Gelegenheit, mehr über eines der bekanntesten und zugleich faszinierendsten Symbole der chinesischen Kultur zu erfahren.

Bereits zu Beginn gelang es Dr. Schütte, das Publikum mit einer humorvollen Gegenüberstellung europäischer und chinesischer Drachen in den Bann zu ziehen. Während Drachen in Europa häufig als gefährliche Ungeheuer dargestellt werden, gelten sie in China seit Jahrtausenden als Sinnbilder für Glück, Kraft, Weisheit und göttliche Ordnung. Diese unterschiedlichen Vorstellungen bildeten den Ausgangspunkt für eine spannende Reise durch die chinesische Mythologie und Kulturgeschichte.

Anhand zahlreicher Beispiele erläuterte Dr. Schütte die Darstellung von Drachen in der chinesischen Kunst und Architektur. Besonderes Augenmerk galt dabei den Drachenmotiven in der Verbotenen Stadt, wo der Drache als Symbol kaiserlicher Macht allgegenwärtig ist. Die enge Verbindung zwischen Drachen, Herrschaft und Natur wurde dabei besonders deutlich: Da Regen für die Landwirtschaft und das Leben der Menschen von existenzieller Bedeutung war, galt es als Aufgabe des Kaisers, die Harmonie zwischen Himmel und Erde zu bewahren und für ausreichenden Regen zu sorgen.

Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags waren frühe Darstellungen von Drachenwesen in China. Anhand archäologischer Funde zeigte Dr. Schütte, dass drachenähnliche Motive bereits vor rund 6000 Jahren auftauchten. Dabei stellte er verschiedene historische Objekte und Kunstwerke vor, die verdeutlichen, wie sich die Darstellung der Drachen im Laufe der Jahrtausende wandelte – von einfachen, stilisierten Formen bis hin zu den detailreichen und majestätischen Figuren, die heute mit der chinesischen Drachenkultur verbunden werden.

Anschließend führte der Referent sein Publikum durch die vielfältige Welt der chinesischen Drachenwesen. Neben Wolken-, Brunnen- und Flussdrachen wurden auch die Drachenkönige der Meere vorgestellt, die in zahlreichen Legenden sowie im Volksglauben eine wichtige Rolle spielen. Ergänzt wurde dieser Einblick durch bekannte Beispiele aus der chinesischen Literatur und Sagenwelt, darunter die „Reise in den Westen“, die Legende von Nezha sowie die Erzählung von Gao Liang.

Besonders spannend war auch die Frage, welche Rolle Drachen bei der Gründung Pekings gespielt haben sollen. Dr. Schütte stellte eine traditionelle Legende vor, nach der der Grundriss der Stadt auf der Gestalt des Helden Nezha basiert. Durch diese symbolische Anordnung sollten Drachen gebändigt werden, die das Wasser der Region verdorben hatten.

Darüber hinaus zeigte der Vortrag, wie tief der Drache bis heute in der chinesischen Sprache verankert ist. Zahlreiche Begriffe und Redewendungen zeugen von seiner kulturellen Bedeutung – vom wasserspeienden „Drachenkopf“ als Bezeichnung für den Wasserhahn bis hin zu bildhaften Ausdrücken wie „dem Drachenmaul das Getreide entreißen“, womit das rechtzeitige Einbringen der Ernte vor einem Regenschauer gemeint ist.

Zum Abschluss widmete sich Dr. Schütte einer grundlegenden Frage: Warum wurde der Drache überhaupt erfunden? Seine Antwort führte zurück zum Wasser als lebenswichtiger Grundlage menschlicher Existenz. Der Drache machte diese lebensspendende, aber zugleich unberechenbare Naturkraft für die Menschen greifbar und erzählbar. Zugleich entwickelte er sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem Symbol für Herrschaft, Ordnung und kulturelle Identität.

Im Anschluss an den Vortrag hatten die Besucherinnen und Besucher Gelegenheit, Fragen zu stellen und mit dem Referenten ins Gespräch zu kommen. Die lebhafte Diskussion zeigte das große Interesse am Thema und rundete einen ebenso informativen wie unterhaltsamen Abend ab.

Wir bedanken uns herzlich bei Dr. Hans-Wilm Schütte für seinen spannenden Vortrag und bei allen Gästen für ihr Interesse. Wir freuen uns bereits auf die kommenden Veranstaltungen im Yu-Garten Hamburg.

Den chinesischen Artikel finden Sie hier.